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Statements zum Jahresthema „Ausgrenzung“

Dein Statement zum Thema per Mail an daniel.frey@gayradio.ch

Andreas Engler, Musiker

Zum Glück habe ich persönlich innerhalb der LGBT-Community nie Ausgrenzung erfahren und ich habe auch nie ‚gröberes‘ beobachtet, obwohl es natürlich überall dort, wo Menschen miteinander zu tun haben, Aus- oder zumindest Abgrenzung gibt. ‚Abgrenzung‘ kann aber (von der anderen Seite her) auch als ‚Ausgrenzung‘ empfunden werden. Sicher erlebt das jede(r) auch mal innerhalb der ‚Szene‘, sei es als ‚Junge(r)‘, als ‚Alte(r)‘, wenn man nicht die gleichen Interessen (oder Vorlieben…) hat, wie die anderen, etc.

Manchmal ist das wohl auch kaum ganz vermeidbar: denn wenn man seine eigene Identität finden und entwickeln will, muss man sich ohne schlechtes Gewissen von Menschen oder Ideen, die einem nicht entsprechen, abgrenzen können.

Ohne die ‚gute alte Zeit‘ verklären zu wollen, glaube ich, dass zu Zeiten von HAB-Stübli und Ursus-Club (also damals, als wir uns noch nicht ‚LGBT-Community‘ nannten), die Solidarität untereinander etwas grösser war. Es gab noch gar nicht so viele Orte, an denen man sich treffen konnte, dementsprechend bunt gemischt waren sie! Wahrscheinlich spürten wir, dass wir es uns nicht leisten konnten, uns gegenseitig auszugrenzen.

Heute ist die ganze Gesellschaft viel freier und offener und darüber bin ich natürlich sehr froh und wünsche mir das letzte Jahrhundert wirklich nicht zurück! Ich hoffe aber, dass doch noch lange etwas von diesem ganz speziellen Gemeinschaftsgefühl erhalten bleibt!

Nicole Neuenschwander, Vorstand „Es Wird Besser Schweiz“

Ausgrenzung heisst eigentlich nichts anderes als das eine Gruppe oder ein Individuum aus unterschiedlichen Gründen unter sich bleiben möchte. Vorurteile sind sicher ein häufiger Grund für Ausgrenzung. Dies ist für unsere Community tragisch, da wir uns lautstark wehren, wenn „wir“ aufgrund Vorurteile ausgegrenzt werden aber in unserem Mikroumfeld genau dasselbe tun. Wir verhindern so gemeinsam stark aufzutreten und unseren Platz und unsere Rechte in der Gesellschaft einzufordern. Es würde unserer Community gut tun zu respektieren, das andersnormal auch heisst „anders andersnormal“ zu akzeptieren.

Wuddri Rim, Checkpoint Bern (Aids-Hilfe Bern)

Wir scheinen in einer Gesellschaft zu leben, in der die Einen davon profitieren, andere zu unterdrücken. Das bedeutet Menschen beschneiden Rechte anderer Menschen und grenzen sie aus. In welcher Form auch immer. Subtil oder offensichtlich , bewusst oder auch nicht. Wir als Teil der sogenannten Community kennen das nur zu gut. Wir wehren uns mehr oder weniger gegen Diskriminierung aufgrund unserer sexuellen Orientierung und/oder Geschlechtsidentität. Wir kennen das beklemmende Gefühl, nicht dazu zu gehören, anders zu sein. Und wir meinen, das niemandem anderen zu wünschen. Und trotzdem lassen wir uns nicht zu selten als Minderheit einspannen um anderen Minderheiten (innerhalb und ausserhalb der Community) genau das Gleiche anzutun, was wir selbst erleben. Beispiele? LGBTIQA-Migrant_innen werden von xeno-phoben LGBTIQAs ausgegrenzt. Trans*-Sexarbeiter_innen von Bünzli-Trans*Menschen. Brillen-tragender schwuler Mann vom Traummann auf Romeo. „Schwuchtel“ vom Vorzeige-heteronormativen „Masculine“. HIV-Infizierte von vermeintlich Nicht-Infizierten … Die Liste kann beliebig weitergeführt werden.

Mein Fazit: LGBTIQAs sind (auch) Teil unserer Gesellschaft – und trotz all ihrer Erfahrung nicht unbedingt bessere Menschen.

Max Krieg

Früher, ja früher, da konnte man mit den Augen auswählen oder eben vorbei schauen oder wörtlich (dankend) ablehnen. Geändert hat es sich mit den Plattformen, sei es Gaydar oder Gayromeo. Und dann wird eben geschrieben (mit(aus-)geteilt, noch bevor ein Blick oder Gedanke gewagt ist. Ist Nicht-Wählen schon Ausgrenzung? Kaum. Und das Nicht-Wählen behalte ich mir vor. Ich glaubte immer, ein offener Mensch zu sein, und doch … manchmal … plötzlich bemerke ich die Grenzen meiner Akzeptanz. Ich muss mich wieder um mein eigenes Akeptanzverständnis bemühen. Und das hängt nicht mit der vermeintlichen Angleichung an Pseudo-Hetero-Vorbilder zusammen. Nicht-Ausgrenzung = Akzeptanz des Anderen ist eine Lebensaufgabe – dessen bin ich mir jetzt sicher.

Bastian Baumann, Geschäftsleiter Pink Cross

Schwule sind strenge Kritiker. Sei es das Aussehen, das Verhalten oder der Lebensstil, schnell sind zwei Lager ausgemacht, die sich gegenüberstehen. Diese Auseinandersetzung kann inspirierend sein, viele fühlen sich dadurch aber auch unter Druck gesetzt oder verletzt. Früher konnte man sich auf den gemeinsamen Nenner zur Bekämpfung der Ausgrenzung und der Verbesserung der eigenen Lebensumstände einigen. Heute fällt die Suche nach Gemeinsamkeiten aufgrund der vielen Freiheiten und Entwicklungsmöglichkeiten der einzelnen Männern schwerer, was unsere Diversität in den eigenen Reihen sichtbarer macht. Wer diese Vielfalt zu nutzen und schätzen weiss, der wird automatisch auch nicht ausgrenzen müssen.

Theres Bachofen, Vorstand LOS

Eine meiner ersten Erfahrungen mit Ausgrenzungen hatte ich schon früh nach meinem Coming-out. Ich dachte endlich meine „Family“ gefunden zu haben und dann wurde mir gesagt, dass eine richtige Lesbe keine langen Haare haben kann. Das hat sich zwar heute geändert – aber es gibt in den Köpfen von vielen Menschen das Bild von LGBT-Normen. Wenn man dem nicht entspricht, kann das einem sehr stark treffen und man hinterfragt sich nochmals.

Christoph Janser, Präsident HAB

Ich finde diese Initiative sehr spannend und die Frage ist berechtigt, warum wir uns in einer kleinen Community selber ausgrenzen müssen. Selber habe ich auch keine abschliessende Antwort darauf. Was mich aber in meiner Vereinsarbeit stört, ist, dass es mittlerweile für jede Interessen eine eigene schwul-les-bisch-trans-XY-Interessensgruppe gibt. Warum kann man nicht besser miteinander zusammenarbeiten? Die Interessen decken sich ja heute mehr oder weniger rund um die gleichen Themen.

Etwas Gemeinsames auf die Beine zu stellen wird mittlerweile immer schwieriger für Organisationen, wenn jeweils mehrere Gruppierungen zur Zusammenarbeit angefragt werden müssen. Auch nach aussen wäre das ein sehr gutes Bild, wenn viele Leute gemeinsam gegen oder für etwas demonstrieren.

Hans Baer

Es gibt den Standpunkt, alle L und G (und notabene alle Untergruppen von G) und B und T (und I und Q) sollten zusammenhalten: das macht uns stark in der Auseinandersetzung mit den H. Politisch und strategisch erwägenswert!

Mir gefällt besser eine grosse und freie Offenheit aller L und G (und notabene aller Untergruppen von G) und B und T (und I und Q) im Umgang miteinander: wenn alle, ganz indem sie sich selber treu bleiben, nicht nur ihren Buchstaben ernst nehmen, mit Humor ein wenig über ihre Nasenspitze hinaussehen, in geduldiger Zuversicht, bis dann einmal sogar die H merken, dass eigentlich auch sie ein wenig Q sind und dass auch sie zur Gemeinschaft der Menschen gehören.

Kurt Hofmann

Immer wieder höre ich die Aussage „Schwule haben Geld“! Stimmt das? Nein, den viele verdienen nur knapp genug um Leben zu können. Und sie getrauen sich nicht, sich bei anderen Schwulen als „arm“ zu outen. Sie haben Angst vor Ausgrenzung, da sie nicht mithalten können.

Armut ist ein Tabu unter Schwulen – etliche tappen in die Schuldenfalle, bekommen psychische Probleme und haben vielleicht sogar Suizidgedanken.

Schwule können sehr rivalisierend und ausgrenzend untereinander sein. Jeder will das Neuste, das Beste, das Schönste – die Diva Nummer 1 sein! Warum hat der Kommerz unter Schwulen einen so grossen Stellenwert?

Madeleine Aviolat:

In Bern lebt es sich gut als LGB, wir können  „heiraten“ in Form der eingetragenen Partnerschaft und in Zukunft werden andere Recht wie z.B. Adoption hinzukommen. Die T haben da noch einen weiten Weg vor sich, z.B. weiss wahrscheinlich ein grosser Teil der Bevölkerung gar nicht, worum es geht.

Weltweit gesehen sieht es aber ganz anders aus.  Die LGBT-Community wird diskriminiert, verfolgt und in vielen Ländern sind Diskriminierungen und Ausgrenzungen an der Tagesordnung.  Bei Gewalt sehen die Behörden weg, die religiösen Institutionen verurteilen und grenzen aus. In zu vielen Ländern gibt es keinen Schutz und Freiheits- und Todesstrafen sind keine Seltenheit.

Jörg Stoller, Moderator SRF:

Ich finde es schade, dass man dieses Thema „Ausgrenzung“ innerhalb unserer Community überhaupt diskutieren muss; für mich ist das doch selbstverständlich, da wir doch unter demselben Dach wohnen.

Ich selber habe in diese Richtung nie negative Erfahrungen gemacht; mag mich noch an frühere Zeiten erinnern, wo es selbstverständlich war, dass Lesben auch in Gay-Clubs willkommen waren.

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